Veränderungen beim Umgangsmodell sind möglich, denn der Umgang ist nicht in Stein gemeißelt.

Umgangsmodell: Vom Residenz- ins Wechselmodell

Das Umgangsmodell ist für viele in der Trennungsphase mit Fragezeichen besetzt: Wie soll der Umgang zwischen Eltern und Kind geregelt werden? Grundlegend ist zu sagen, dass es keine Vorgaben für den Umgang gibt. Und selbst wenn ihr euch auf ein Umgangsmodell festgelegt habt, ist dieses nicht in Stein gemeißelt. So wie bei Yvonne. Obwohl sie jahrelang das Residenzmodell mit ihren Kindern gelebt hat, wollte ihr Sohn nun das Wechselmodell. Wie Yvonne damit umgegangen ist und welche Erfahrungen sie gemacht hat, das erfährst du hier.

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Raus aus dem Residenzmodell, rein ins Wechselmodell

Hallo, meine Name ist Yvonne Welser und ich lebte bis jetzt viereinhalb Jahre das Residenzmodell mit meinen beiden Söhnen. Ich konnte mir nur schlecht vorstellen, irgendwann das Wechselmodell zu leben, bis der Moment kam, in dem mein älterer Sohn äußerte, er wolle nun wochenweise das Umgangsmodell zum Wechselmodell hin ändern:

Yvonne Welser gründete ihre Coaching-Selbständigkeit „getrennte Mama“ und ist Gast-Autorin auf dem Blog Gut alleinerziehend
Yvonne Welser von „getrennte Mama“ mit ihren beiden Söhnen.

„Mama ich möchte zur Hälfte bei Papa wohnen“

Im Januar diesen Jahres sagte mein großer Sohn diesen Satz zu mir, vor dem ich mich seit der Trennung von meinem Ehemann 2017 gefürchtet hatte. 

Aber nun sind meine Söhne zehn und dreizehn Jahre alt. Und auch wenn bis vor einem halben Jahr die Beziehung zwischen meinem großen Sohn und seinem Vater immer wieder sehr angespannt war, so erkannte ich auch die Verbesserung ihres Verhältnisses in letzter Zeit.

Ich freute mich darüber, dass die beiden jetzt besser miteinander auskamen. Aber dennoch war es für mich undenkbar, dass irgendwann mal das Wechselmodell in Frage kommen könnte. Allein der Gedanke daran verursachte bei mir körperliche Reaktionen. Doch woher kamen diese?

Wie den Worten zum Umgangsmodell Taten folgten

Als mein großer Sohn also diese Worte aussprach und eine Veränderung des Umgangsmodells anstrebte, war ich für meine Verhältnisse erstaunlich ruhig. Ich wunderte mich sogar selbst über mich. Und ich wollte ihm nicht im Weg stehen. Er sagte, er habe zwei Eltern und das wolle er auch so leben. Und bis heute muss ich sagen – er hat recht!

Ja, er hat zwei Eltern, die ihn lieben und ich mochte ihm diese Liebe von beiden Seiten ermöglichen. Denn durch meine Arbeit weiß ich, wie wichtig es ist, dass Kinder beide Eltern und ihre Liebe erleben dürfen. Auch dass es zu ihrer psychischen Gesundheit beiträgt, wenn beide Eltern dazu in der Lage sind, diese Liebe zu geben.

Also suchte ich das Gespräch mit dem Vater meines Sohnes. Auch er konnte sich die Veränderung im Umgang vorstellen. Wieder wunderte ich mich über meine Ruhe und meinen Pragmatismus. So setzten wir das Wechselmodell schnell um.

Die ersten Wochen im Wechselmodell

Nach der ersten Woche fragte mich meine beste Freundin, wie es denn so läuft mit dem veränderten Umgangsmodell. Ich sagte ihr, dass ich nicht darüber reden wolle. Normalerweise rede ich über alles mit ihr. Aber ich war irgendwie völlig blockiert und wollte nicht mal ein Wort darüber verlieren.

Etwas später bei einem Gespräch mit einem Freund, wo wir zufällig auf das Thema kamen, musste ich plötzlich weinen. Kurz danach brach es dann aus mir heraus. Tiefe Schluchzer, unaufhaltsam!

Ich war unglaublich traurig. So viel Trauer war in meinem Herzen, es tat furchtbar weh. Meinen Sohn gehen lassen zu müssen, bevor er erwachsen war, so dass ich fortan die Hälfte seines Lebens nicht mit erleben konnte, brach mir das Herz. Ich spürte die tief verwundete, mütterliche Verbindung zu ihm, wie als wenn ein Teil von mir abgeschnitten wurde.

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Mein persönlicher Erste-Hilfe-Plan

1 – Der Trauer Raum geben

Das Umgangsmodell nur aufgrund meiner Gefühle wieder zurück zu ändern, kam nicht infrage. Daher entschied ich, mich gut um mich selbst zu kümmern und als erstes meiner Trauer Raum zu geben. Ich bat das Gefühl, sich zu mir zu setzen, wie als wenn ich mit einer Freundin Tee trinken würde. Ich hatte diese Freundin zwar nicht eingeladen, aber da sie nunmal da war, ließ ich ihre Gegenwart zu, bis der Schmerz nicht mehr so groß war.

Als der Schmerz langsam milder wurde, verstand ich, dass meine Psyche dieses Gefühl gern verdrängt hätte. Denn ich hatte dieses Gefühl schon einmal gespürt. Es war der gleiche Schmerz, den ich hatte, als mein Vater verstarb. Damals war ich eine Jugendliche und auch die Verbindung war eine andere, aber der Schmerz war gleich.

Das ist übrigens kein seltenes Phänomen. Auch in meinen Coachings sehe ich das bei Klientinnen, wenn alte Schmerzen hochkommen. Dann drohen sie sich über Projektionen oder Übertragungen an eigentlich falscher Stelle zu entladen: Manchmal an den Kindern, manchmal am Ex-Partner oder neuem Partner, manchmal an sich selbst.

Als ich das verstanden hatte, gestand ich mir ein, dass Trauer wichtig ist und Zeit braucht. Und noch heute trauere ich, aber es blockiert mich nicht mehr. Umso mehr freue ich mich meinen älteren Sohn jede zweite Woche bei mir zu haben.

2 – Das Positive der Veränderung sehen

Mittlerweile kann ich in der Veränderung des Umgangsmodells auch das Positive sehen. Die bisher schwierige Geschwisterkonstellation hat sich entspannt. Denn der Kleine ist nach wie vor bei mir im Residenzmodell.

So haben die Kinder nun ein paar Tage ohne einander und das tut beiden gut. Auch ich habe wieder mehr Raum, weil die Geschwister weniger streiten. Ebenso ist es für Vater und Sohn gut und läuft auch gut. Ich freue mich sogar darüber, dass ich die ungeliebten Sachen nicht mehr machen muss.

Zocken, zum Beispiel, oder Actionfilme ansehen, fällt in diese unliebsame Kategorie. Und dieser typische Satz im Streit „Dann ziehe ich halt zu Papa“ ist nun auch verschwunden! Ein Glück, denn diese Worte hatten bei mir des Öfteren schon alle Knöpfe gedrückt. 

Umgangsmodell - raus aus dem Residenzmodell, rein ins Wechselmodell

Die Finanzierung des Umgangsmodells ist schwieriger

Ja, für mich ist es finanziell jetzt schwieriger, weil durch das Wechselmodell meines älteren Sohnes ein Teil des Kindesunterhalts weg bricht. Die meisten Kosten bleiben aber, wie sie sind.

Am Anfang wusste ich auch gar nicht, dass die Unterhaltsberechnung für den Kindesunterhalt im Wechselmodell unterschiedlich ist, wenn es ein Gehaltsgefälle bei den Einkommen der Eltern gibt. Da ich weniger verdiene als mein Ex-Mann, muss er daher auch mehr Unterhalt an den Großen zahlen als ich.

Immerhin, da war ich froh. Denn die dadurch entstehende Differenz wird für den Großen an mich ausgezahlt. Und da ich unseren jüngeren Sohn nach wie vor im Residenzmodell überwiegend bei mir habe, ist eine berufliche Veränderung aktuell nicht möglich. Darüber hinaus gibt meine Teilzeit-Festanstellung als Sozialpädagogin auch keine Aufstockung her.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich alles in allem zuversichtlich bin, das Richtige getan zu haben. Aber ich fürchte mich tatsächlich ein wenig davor, dass auch mein zweiter Sohn in der Pubertät auf die gleiche Idee kommt. Sollte es so kommen, dann werde ich auch das schaffen!

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Über Yvonne Welser

Vor einem Jahr gründete Yvonne Welser ihre Coaching-Selbständigkeit „getrennte Mama“, nach dem sie schon mehrere Jahre in Unternehmen tätig war und dann Mütter coachte. Sie ist mit einer 50-Prozent-Stelle als Sozialarbeiterin an einer Schule angestellt und begleitet dort Kinder, Jugendliche und Eltern. Auch alleinerziehende Mütter sind oft dabei. Yvonne ist ausgebildete Coachin (IHK) und Trainerin für gewaltfreie Kommunikation.

Eltern mit Kindern im Wechselmodell hat sie beruflich bisher wenige getroffen, auch wenn es in letzter Zeit etwas mehr wurden. Kein Wunder, denn ca. 85% der Alleinerziehenden leben das Residenzmodell. Im allermeisten Fall sind es hier die Frauen, die den überwiegend betreuenden Elternteil ausmachen.

Du findest Yvonne unter ihrer Homepage yvonnewelser.de oder auf Instagram und Facebook. Schau gern mal bei ihr vorbei.

Komm in die Facebook Gruppe

Wenn du dich mit anderen Alleinerziehenden über das Umgangsmodell oder andere Themen austauschen möchtest, dann komm in diese geschlossenen Facebook Gruppen:
Gut alleinerziehend Gruppe – Nur für Frauen
Gut alleinerziehend Mixed Gruppe – für Papas und Mamas

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2 Kommentare zu “Umgangsmodell: Vom Residenz- ins Wechselmodell

  1. Andrea sagt:

    Hallo,
    vom Kinderschutzbund gibt es einen guten Text warum es für Kinder nicht gut ist wenn sie im Wechselmodell leben. Eltern meinen dass ist fair, Kinder können nicht ankommen … Kann ich gerne zuschicken per Mail LG Andrea

    P.S. eine Telegramgruppe wäre toll.
    Auch toll wäre zu wissen wie alleinerziehnde Mamas in einer zwei Zimmer Wohnung wohnen mit einem zweijährigen. Wie sie wohnen mit einem zweijährigen und einer sechsjährigen auch in einer zwei Zimmer Wohnung. Ab wann haben Deine / Eure Kids ihr eigenes Zimmer?
    Danke LG

    • Silke Wildner sagt:

      Liebe Andrea, vielen Dank für deinen Hinweis.
      Kannst du mir den Text des Kinderschutzbundes mal zu mailen an gut-alleinerziehend@gmx.de? Zum Austausch gibt es aktuell zwei Facebook Gruppen, die im Beitrag auch verlinkt sind. Eine Telegram-Gruppe gibt es noch nicht, ist aber in Planung 🙂 Sobald sie verfügbar ist, gebe ich dir Bescheid.

      Zu deiner Frage mit dem eigenen Zimmer denke ich, dass es rund um den Schulbeginn gut ist den Kindern ein gemeinsames Kinderzimmer zur Verfügung zu stellen oder eben ein eigenes Zimmer, wenn das möglich ist. Meine Kinder haben sich auch in diesem Alter einen persönlichen Rückzugsort gewünscht. Vorher wurden die Kinderzimmer teilweise tagelang nicht genutzt und es wurde viel im Wohnzimmer gespielt.
      Liebe Grüße
      Silke

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