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Familienform Alleinerziehend – ein modernes Privileg

Warum es nie einfacher war alleinerziehend zu sein

Was bitte schön soll am Leben Alleinerziehender einfach sein, und was hat das Ganze mit einem Privileg zu tun? – denken jetzt bestimmt einige, die das lesen. Viele empfinden das Familienmodell „Alleinerziehend“ eher als einen schlechten Scherz der Neuzeit. Es war noch nie so einfach, seinen Partner zu verlassen und damit auch verlassen zu werden. Nur deshalb gibt es ja so viele Alleinerziehende.

Ein kurzer Blick zurück hilft zu verstehen

Während wir uns manchmal ganz schön über die Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen in Partnerschaften aufregen, wären einige Frauen früher sehr froh gewesen, das Privileg zu haben, sich einfach trennen zu können. Viele hatten kein schönes Leben als Ehefrau, litten unter Gewalt in der Ehe, oder Ignoranz. Vergewaltigungen in der Ehe sind übrigens erst seit 1997 eine Straftat! Ich kann mich selbst noch an die Gesetzesänderung erinnern.




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Frauen sind damals auch verheiratet worden, das war nicht unüblich. Oder sie mussten mit einem unehelichen Kind schwanger ganz schnell unter die Haube. Um die Aufklärung war es ja auch noch nicht so gut bestellt. Alles keine schönen Themen in Verbindung mit der Ehe. Und so ein Haushalt, der bedeutete damals noch richtig viel Arbeit. Unsere heutigen Haushaltshelfer wie Spülmaschine oder Waschmaschine kamen erst in den 1950er Jahren auf den Markt, waren aber bei weitem noch nicht so gut wie heute. Oder schlichtweg zu teuer.

Good to know
1886 wurde die erste Geschirrspülmaschine von einer Frau – der Amerikanerin Josephine Cochrane erfunden. Sie reichte ein Patent für einen mit Wasserdruck arbeitenden Geschirrspüler ein. Zwei Männer vor ihr waren gescheitert. Ihre Spülmaschinen hatten zu große Mängel. (Quelle: wikipedia)

Wie ging es den Alleinerziehenden damals?

Im Gegensatz zu heute war es früher wesentlich schwieriger als Frau oder Mann alleinerziehend zu sein. War man alleinerziehend oder hatte ein uneheliches Kind, wurde frau manchmal nicht nur verbal mit Schmutz beworfen. Diese wie auch immer entstandenen menschlichen Randerscheinungen hatten in der deutschen Gesellschaft keinen Platz. Frauen waren ohne Mann nichts wert. Der Arbeitsmarkt hatte (noch) keine große Verwendung für Frauen und das goldene Bild der modernen Kleinfamilie mit arbeitendem Vater und Zuhause sorgender Mutter mit Kindern wurde über alle Maße nach oben gehalten.

Familienform Alleinerziehender ein Privileg
Alleinerziehende hatten es früher wesentlich schwerer als heute

Was passierte mit den Alleinerziehenden?

Aus meiner eigenen Familiengeschichte weiß ich, dass da schleunigst ein neuer Mann oder eine neue Frau ins Haus musste und ein Ring an den Finger. Egal zu welchem Preis – alles andere war nicht tragbar. Mit großer Liebe hatte das nichts zu tun, eher mit Geschäftsabschlüssen. Wie schön ist es jetzt, dass wir das Privileg haben, selbstbestimmt wählen zu können. Auch alleinerziehende Männer werden nicht mehr direkt mit der nächsten Schwester der Frau oder Cousine in den eigenen Reihen verkuppelt, nur damit eine Frau im Haus ist, die die Betten macht. Männer können heute die Betten einfach selbst machen und brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Witwer bekommen den Raum, den sie brauchen, um zu trauern.

Heute können wir es auf unsere Art versuchen

Jetzt beginnst du vermutlich zu verstehen, was ich mit dem Privileg meine. Wir brauchen aus gesellschaftlichen Zwängen heraus keinen (neuen) Ehemann oder eine Ehefrau. Wir dürfen auch unverheiratet und alleine mit dem Kind eine Wohnung mieten, ein Haus kaufen oder über unser Konto verfügen. Niemand darf sich in die Partnerwahl einmischen. Und wenn ich keinen neuen Partner möchte, dann ist das meine Entscheidung und völlig okay.

Gesellschaftlich betrachtet war es daher nie so einfach alleinerziehend zu sein wie heute. Viele Frauen können als Alleinerziehende ein sicheres Leben führen und sind vor häuslichen Übergriffen geschützt. Der Arbeitsmarkt hat den Wert der Frau beziehungsweise die Notwendigkeit unserer Arbeitskraft erkannt und bietet uns Möglichkeiten an, unser Leben selbst zu finanzieren. Wir müssen die Chancen nur erkennen, ergreifen und dürfen uns nicht unter Wert verkaufen.

Noch ein kleines geschichtliches Bonbon:
In den 1970er Jahren mussten Ehefrauen ihre Männer noch fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Ihr gesamtes Vermögen wurde der Verwaltung und Nutzung des Ehemannes unterworfen. (Quelle)

Das heißt: Hatte der Mann teure Hobbys oder einen Hang zum Alkohol, dann war das Geld der Ehefrau einfach weg. Die Bevormundung der Frauen ist heute zum Glück passé und das im 20. Jahrhundert propagierte Bild der perfekten, modernen Kleinfamilie wird immer mehr durch andere Rollenbilder aufgeweicht und losgelöst. Gleichgeschlechtliche Lebenspartner bekommen immer mehr Rechte und gesellschaftliche Anerkennung. Uneheliche Kinder und unverheiratete Lebensgemeinschaften sind kein Tabu mehr. Frauen und Männer brauchen noch nicht mal zwingend einen Partner, um Kinder zu bekommen.

Wieso fühlen wir das Privileg nicht?

Weil das Leben Alleinerziehender immer noch verdammt schwer ist. Vielen fehlt es an Geld – das liegt aber oft nicht an der „Arbeitsunwilligkeit“, sondern an der männlich geprägten Arbeitswelt. An volltägigen Präsenszeiten statt Projektarbeit. Und auch die Gesetzgebung und die staatlichen Hilfen hinken noch weit hinterher. Wer auch immer die Steuerklasse 2 ausbaldowert hat, die Milchmädchenrechnung würde ich ja gerne mal sehen.

Aber eins weiß ich mit Gewissheit. Die Steuerklasse 2 und ihre lächerlichen Freibeträge wurde von Männern bestimmt. Denn wer macht die Gesetze? Das sind in der Mehrheit (immer noch) Männer. Frauen sind nicht mit 50% in den Gremien vertreten und so können sie die dringend benötigten Gesetze nicht ändern oder vorantreiben.

Ich lehne mich jetzt noch einmal ganz weit über den Tellerrand und bin mir ziemlich sicher dabei zu sehen, dass die Mehrzahl der „Gesetze-Macher“ Männer sind, die ohne Frage eine tolle Karriere hingelegt haben. Aber als Mann das Privileg genießen, das ohne private Einschnitte machen zu können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sehr viele von ihnen verheiratet sind und bestimmt auch Kinder haben. Und ihre Ehefrauen haben ganz sicher die Steuerklasse 5 und kümmern sich daheim um die gut laufenden Familienmaschinerie, denn mit ihren Gehältern werden sie niemals auf die Augenhöhe ihrer Männer ziehen können. Wenn sie überhaupt beruflich tätig sind.

It‘s a mens world

Das hört sich ja nach ganz prima geordneten Familienverhältnissen bei den Gesetzesentscheidern an. Nach ganz prima überholten Familienverhältnissen. Ich würde eher sagen: Zustände aus dem vorigen Jahrhundert! Mit diesem Background können diese Männer doch nur sehr schwer über ihren Tellerrand zu uns hinübergucken und adäquate Entscheidungen treffen. Sollen die Alleinerziehenden doch einfach alle neu heiraten, denken die sich vielleicht. So schwer ist das ja nicht. Und das alte Jahrhundert wieder aufleben lassen…

Neue Strukturen braucht das Land

Sinnvoller wäre es doch, wenn sich zur Gesetzesfindung eine bunt gemischte Truppe aus allen gesellschaftlichen Schichten, Familienformen und Altersklassen zusammenfinden würde. Eine Mischung, die es möglich macht alle Facetten der Gesellschaft zu begreifen.

Aber wie kann sich was ändern? Und wie bekommen wir mehr Frauen und Alleinerziehende in die Politik und an die wichtigen Hebel? Es darf keine Trennung mehr bei den Frauen in Kind ODER Karriere geben. So wie bei den Männern. Alles andere wäre ungerecht.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Gesetzgebung. Hat sich einer von euch mal angesehen, wie diese Gesetze entstehen und wie darüber abgestimmt wird? Mit gaaaaanz viel Präsenszeit vor Ort, Abend- und Wochenendterminen. Ich kann mich an die junge und sehr motivierte Familienministerin Kristina Schröder erinnern. Ich hatte sie vor ihrem Umzug nach Berlin einmal persönlich in Wiesbaden kennengelernt. Sie wollte etwas bewegen, das habe ich ihr angemerkt – … und dann bekam sie ein Kind während ihrer Amtszeit. Das hat sie politisch scheitern lassen. Ein Inthiererview mit Kristina Schröder über die „hammerharte“ Zeit als Mutter und Spitzenpolitikerin gibt es.

Kurzes Update, dass ich mit der Einschätzung nicht falsch liege: Vor kurzem ist eine Politikerin mit ihrem Neugeborenem aus dem Thüringer Landtag rausgeflogen, dabei wollte sie nur ihre berufliche Pflicht erfüllen!

Ein Privileg das keines ist

Für uns ist es heute kein Privileg mehr alleinerziehend zu sein. Historisch betrachtet ist es ein sehr großes Privileg. Es fühlt sich heute völlig normal an, dass wir so leben können, wie wir möchten. Und das sollte es auch. Es führt kein Weg mehr zurück in die „gute alte Zeit“, in der der schöne Schein der miteinander verbundenen Eheleute durch die Entmündigung der Frau aufrecht erhalten wurde. Ja, was sollte sie denn machen, wenn sie sich trennte? Gesellschaftlich und finanziell war die Frau dann am Ende. Und die „unüberbrückbaren Differenzen“ gab es damals als Scheidungsgrund noch nicht.

Die Gesellschaft hat Angst vor Frauen

Am Schluss bleibt bei mir die Frage offen: Warum ist der Weg zwischen männlich gesellschaftlicher Dominanz und der Unterordnung der Frau in der Geschichte überhaupt so gelaufen? Warum hat es nicht schon früher ein gleichberechtigtes Nebeneinander gegeben?

Vielleicht ist der Haushalt und das Kinder groß ziehen gar nicht so typisch weiblich wie immer propagiert wird – es ist nur eine sehr zeitintensive und anstrengende Tätigkeit, und einer muss sie ja machen. Wenn es im Blut der Frauen verankert wäre, dann bräuchte es nicht die Unterdrückung nach Gesetz, dann würden alle Frauen doch wie die Bienen immer zu ihrem Stock zurückkehren.

Mit diesem Wissen bringt uns die Opferrolle nicht weiter. Mit Jammern lässt sich nur ein Almosen verdienen. Die Brocken sind viel größer, die wir ins Rollen bekommen müssen. Denn als Frauen wissen wir: Wir sind keine Menschen zweiter Klasse – und dank vieler starker weiblicher Vorbilder ist die Diskussion in vollem Gange.

Also weg mit den alten Zöpfen und her mit der Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit

Ich bringe schon meinen Kindern bei, dass sie mit mir reden müssen, wenn sie etwas wollen. Auf Jammern höre ich nicht. Man kann ja gerne mal jammern, und das sollte man auch um seiner Gemütslage Ausdruck zu verleihen. Aber dann sollte man nachdenken, was man braucht, damit die Lage besser wird. Und dann kann man reden.

Also lasst uns weniger jammern und an der alltäglichen Situation verzweifeln. Was brauchen wir, um als Alleinerziehende gut leben zu können? In Politik und Gesellschaft wird man nur auf uns hören, wenn wir wissen was wir wollen und anfangen zu reden und zu fragen. Unsere Stimme wird immer lauter. Sie ist schon 1,6 millionenfach vorhanden und wird in Zukunft noch lauter und stärker werden. Wir sind keine gesellschaftliche Randgruppe mehr.

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