Welchen Wert haben Mütter und Alleinerziehenden in der Corona Krise?

Der Wert der Mütter in der Krise

Durch den Beschluss der Landesregierungen Mitte März 2020 die Schulen und Kitas zu schließen, hat der Staat seinen gesetzlich verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag, sowie die komplette Kinderbetreuung kurzerhand ins Private verschoben. Seitdem werden Millionen Mütter, Alleinerziehende und betreuende Väter täglich zusätzlich als Lehrer*innen und Erzieher*innen tätig – allerdings ohne Bezahlung und ohne Rücksicht auf die eigene Erwerbstätigkeit. Daher wird es Zeit, der Regierung dieses Versäumnis vor Augen zu führen und über den Wert dieser Arbeit zu sprechen.

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Der 13. März 2020 brachte mein bis dato wirtschaftlich gefestigtes Leben als Alleinerziehende und Selbständige ins Wanken. Denn mit dem Beschluss der Schul- und Kita-Schließungen wurde ich meiner Arbeitsstunden für meine Erwerbsarbeit beraubt. Und das ungefragt, ohne eine Bewerbung meinerseits und das alles von jetzt auf gleich!

Schulpflicht und Rechtsanspruch auf Kita-Platz

Dabei herrscht in Deutschland Schulpflicht und ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Mit der Schließung der Schulen und Kitas hat sich die Regierung innerhalb eines Tages aus seiner Mitverantwortung für die Kinder rausgenommen, die sie per Gesetz inne hat.

Laut Artikel 7 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland darf die Regierung den privaten Schulbetrieb zwar erlauben, aber NICHT, wenn die rechtliche und wirtschaftliche Stellung der Lehrkraft nicht genug gesichert ist!

Artikel 7 des Grundgesetzes (GG) in voller Länge bei Wikipedia

Ja und wer, wenn nicht ich, ist denn jetzt gerade die Lehrkraft für meinen Sohn im Home-Schooling?

Home-Schooling statt Home-Office

Statt an Aufträgen zu arbeiten, erkläre und kontrolliere ich nun Schularbeiten und beschäftige zeitgleich meine Tochter im Kita-Alter, damit sich mein Sohn konzentrieren kann. An meine eigene Erwerbstätigkeit ist bei diesem Pensum parallel nicht zu denken.

Denn Home-Office mit Kindern ist wie aktuell fälschlicherweise angenommen keine echte Arbeitsalternative. Das weiß ich seit 7 Jahren. Seitdem arbeite ich im Home-Office und liebe diese Art zu arbeiten. Aber mit Kindern in der Wohnung liegt die Effektivität und Produktivität im Vergleich zu normalen Tagen im Home-Office bei maximal 10%.

Der Wert der Mütter in der Corona Krise
Mütter und Alleinerziehende sind in Krisenzeiten stets zur Stelle und packen mit an und das obwohl ihr Wert abseits der Erwerbsarbeit offiziell Null ist.

Staatsdienerin statt Selbständige

Ich bin nun also rund um die Uhr die einzige Betreuungsperson für meine Kinder und gleichzeitig noch ihre Lehrerin und Erzieherin. Und das ohne Ruhepausen, Erholungsphasen und in psychologisch schwierigen Zeiten. Ich wurde für diesen Job von der Regierung schlicht „zwangsrekrutiert“ und bin somit zu einer Staatsdienerin geworden.

Denn zur Eindämmung der Corona-Epidemie bin ich eine wichtige Schlüsselfigur zum Wohle der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Gesundheitssystems geworden.

Und ich rede hier ganz bewusst von einem Job, einem Staatsdienst, der einen entsprechenden Wert hat! Denn bei mir sind durch die staatlichen Beschlüsse keine Arbeitszeiten frei geworden. Nein! Ich arbeite aktuell sogar mehr als sonst, aber nur noch zu einem geringen Anteil bezahlt.

Wie war das doch gleich mit Angebot und Nachfrage?

Aktuell besteht seitens der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein sehr großes Interesse, dass wir Mütter und betreuenden Väter die Kinderbetreuung komplett übernehmen.

Denn alternative Betreuungsmöglichkeiten in Form von Großeltern, Bekannten, Nachbarn, Tagesmüttern oder Babysittern sind durch das auferlegte Kontaktverbot nicht mehr möglich.

Wir können also keine Kinderbetreuung einkaufen, um der Erwerbsarbeit nachzugehen. Der Staat möchte, dass WIR diesen Job erledigen. Somit besteht eine große Nachfrage nach unserer Qualifikation und es gibt kein alternatives Angebot. Diese Tatsache lässt in der freien Marktwirtschaft den Wert normalerweise steigen!

Wie viel ist dem Staat dieser Job wert?

Ich frage mich, wo geschrieben steht, dass ich als Mutter jederzeit unbezahlt als staatlicher Notnagel herhalten muss? Während alle anderen sich aus der Verantwortung für die zukünftigen Steuerzahler / Kinder herausnehmen dürfen und sogar noch Gelder für nicht erbrachte Leistungen beziehen können!

Hier mein Aufruf an alle: Fordert die Kosten für Kita, Schule, Hort oder Tagespflege bei den Bürgermeister*innen bzw. dem Träger für die Zeit der Schließungen zurück!

Hartz4, ALG II und Notfall-Kinderzuschlag

Sieht so eine entsprechende Bezahlung meiner Leistungen aus? Mit Sicherheit nicht! Denn Grundsicherungen in Form von Hartz4 bzw. ALG II und dem Notfall-Kinderzuschlag greifen nämlich erst, wenn ich entsprechend bedürftig bin und wirtschaftlich am Boden liege.

Das ist KEINE Bezahlung meiner Arbeitsstunden, die ich aktuell für den Staat erbringe. Wenn doch, dann müsste das im Umkehrschluss bedeuten, dass auch alle anderen Staatsdiener wie Beamte, Politiker, Polizisten etc. erst Geld bekommen, wenn sie keins mehr auf dem Konto haben, oder? Sie stehen im Dienste des Staates und ich durch den Beschluss der Regierung ebenfalls.

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Hat Erziehungsarbeit keinen Wert?

Wenn ich den Gedanken weiterspinne, dann komme ich sogar zu dem Schluss, dass der Staat durch die Unterlassung einer entsprechenden Leistungsvergütung auch die Gehälter und Leistungen von Lehrer*innen, Erzieher*innen, Tagesmüttern, Babysitter etc. entwertet.

Denn diese Arbeit scheint ja nichts wert zu sein, wenn wir sie noch neben unserer eigenen Erwerbstätigkeit problemlos mit erledigen können.

Wir leben nicht mehr 1950

Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen, wir leben nicht mehr in den 1950er Jahren! Frauen sind heute dazu angehalten ihr eigenes Geld zu verdienen. (Ehe-)Partner sind keine Altersvorsorge mehr. Das wurde auch politisch z.B durch die Änderung des Unterhaltsrechts untermauert.

Das Unterhaltsrecht seit 2008

Der Staat hat 2008 beschlossen, dass Frauen nach einer Trennung finanziell so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen sollen. Nacheheliche Unterhaltsansprüche gelten fast nur noch, wenn kleine Kinder bis zu drei Jahren zu betreuen sind.

Und genau deshalb verdiene ich nicht nur ein bisschen dazu oder verlasse mich auf das Geld eines (nicht vorhandenen) Lebenspartners.

Frauen sollen wirtschaftlich eigenständig sein, aber wenn der Staat sie braucht, sind sie plötzlich nichts mehr wert? 

Das Heimchen am Herd 2020

Mal ganz im Ernst: Seit dem Aufbau Deutschlands durch die Trümmerfrauen vor 70 Jahren fällt uns immer noch nichts Besseres ein, als Frauen für ihre systemstützende Arbeit nicht zu entlohnen?

Und das obwohl einige Staatskassen scheinbar übervoll sind? So wurde am 20.03.2020 in der Tagesschau verkündet, dass die Renten 2020 kräftig ansteigen!

Aber wir Mütter werden jetzt finanziell nur aufgefangen von großzügigen Arbeitgebern, Lohnfortzahlungen in Höhe des Arbeitslosengeldes I (obwohl wir nicht arbeitslos sind!) oder dem Gehalt des Lebenspartners – wenn es denn einen gibt. Aber wieso wird diese staatlich verteilte und wichtige Arbeit nicht einfach bezahlt, wie jeder andere Job auch? Das würde aktuell viele Problem lösen!

Wir kosten Geld

Frauen, Mütter und vor allem Alleinerziehende sind heute nicht mehr nur schmückendes Beiwerk, sondern eine eigene Wirtschaftskraft und können die Care-Arbeit nicht einfach so 24 Stunden am Tag auf unbestimmte Zeit unentgeltlich leisten. Wir haben selbst laufende Kosten u.a. für Miete, Haushalt, Lebensmittel, Kleidung, Kinder, Altersvorsorge, Versicherungen, Gesundheit etc. zu tragen.

Daher betrachte ich die aktuelle Situation nicht durch das verklärte rosarote Bild des Mutter-Seins. Ich ziehe mir auch nicht den „Selbst-Schuld“-Schuh an, nur weil ich Kinder bekommen habe und somit das Rentensystem auch in der nächsten Generation stütze.

Unser Wert in echten Zahlen

Aus diesem Grund habe ich mir selbst einmal vor Augen geführt, wie viel meine Arbeitszeit wert ist, die für die Arbeit Home-Schooling und Zusatz-Kinderbetreuung drauf geht:

Pro Werktag sind es 3 Stunden Arbeitszeit. Mein Stundenlohn liegt bei 65 Euro/h.

3 Stunden x 5 Wochentage x 65 Euro/h
= 975 Euro pro Woche!

So viel ist meine Arbeitskraft wert. So wertvoll sind die von mir geleisteten Arbeitsstunden!

Rechne dir selbst einmal aus, wie viel du wert bist. Führe dir diese Zahl einmal vor Augen. Das ist doch nicht Nichts, oder?

Eine Rechnung an die Regierung

Und genau deshalb möchte ich ein Zeichen setzen für den Wert unserer Arbeit. Deshalb werde ich meine Arbeitszeit der Landesregierung in Rechnung stellen. Denn wer Arbeit verteilt, muss sie meiner Meinung nach auch zahlen und somit nach dem Artikel 7 des Grundgesetzes handeln!

Wenn du ebenso ein Zeichen für den Wert deiner Arbeit setzen möchtest, dann folge meinem Beispiel und stelle deiner Landesregierung deine Arbeitsstunden in Rechnung:

Einen Rechnungsvordruck (PDF) bekommst du hier.

Für Schulkinder wendest du dich am besten an den/die Kultusminister*in deines Bundeslandes.

Für Kinder in Kita und Tagespflege sind die Landesarbeitsminister*innen eine gute Adresse.

Update am 17.4.2020:
Die Antwort auf meine Rechnung an den Kultusminister findest du in dieser Podcast-Folge. Ebenfalls mit dabei ist eine Möglichkeit den Verdienstausfall infolge der Schul- und Kitaschließungen ersetzt zu bekommen. Hör gleich mal rein: „Corona: Finanzielle Misere für Alleinerziehende

Denn eins ist klar: Es wird sich nichts ändern, wenn wir still darauf warten, dass irgendwer das Wort für uns ergreift und unseren Wert beziffert. Das können nur wir selbst.

#CoronaElternRechnenAb

Update am 11.5.2020:
Ich freue mich sehr, dass Karin HartmannSonja Lehnert und Rona Duwe von der Seite Phoenix-Frauen die Aktion #CoronaElternRechnenAb ins Leben gerufen haben mit dem Inhalt die Care-Arbeit in der Corona-Krise ebenfalls in Rechnung zu stellen. Den Beitrag dazu findest du hier:
#CoronaElternRechnenAb – Carearbeit in der Coronakrise in Rechnung stellen

Wenn Corona zur persönlichen Krise wird

Was bleibt uns, wenn die Krise vorbei ist? Vermutlich ein großer Schuldenberg und das Gefühl, versagt zu haben, wenn wir nicht merken, dass die an uns gestellten Aufgaben unmenschlich sind! Erwerbsarbeit, Home-Schooling und Kinderbetreuung 24h/Tag sind nicht vereinbar. Bei dieser Rechnung wurde der Faktor „Kind“ einfach unter den Tisch fallen gelassen und der Wert der Betreuung gleich mit.

Einen sehr guten Artikel dazu findest du im Tagesspiegel: „Homeoffice und Sorgearbeit in der Coronakrise Spagat auf Kosten der Kümmerer“ von Uta Kletzing

Meine Gedanken zum Home-Office mit Kindern aus den letzten Sommerferien findest du hier: „Das Märchen der mühelosen Mutterschaft“.

Wie soll man da die eigene Gesundheit und die der Kinder bestmöglich erhalten, wenn DURCH die Regierungsbeschlüsse plötzlich die eigene Existenz auf dem Spiel steht? Denn Angst vor Armut macht krank und löst großen mentalen Stress aus.

Und wer weiß wie lange die Corona-Krise noch andauern wird und ab wann Schulen und Kitas wieder geöffnet haben? Viele mutmaßen schon, dass die Schließungen bis zu den Sommerferien anhalten könnten. Wie soll ich da meiner Erwerbsarbeit nachgehen? Denn ohne Kinderbetreuung ist das nicht möglich.

Ja, diese Krise wird viele Menschen wirtschaftlich umhauen. Da heißt es sich beruflich neu zu positionieren und neue Möglichkeiten zu ergreifen. Aber ich kann mich als Mutter nicht umpositionieren. Ich werde immer die Mutter meiner Kinder bleiben und wenn Betreuungsmöglichkeiten wegfallen, dann fehlt mir IMMER die Basis für meine Erwerbsarbeit.

Also zier dich nicht, lieber Staat. Vergiss nicht, dass unsere Arbeit etwas wert ist. Denn sonst könnte es passieren, dass Frauen zukünftig vergessen, wie man Kinder bekommt …

Hör rein in den Podcast zum Wert unserer Arbeit (Offener Brief an die Regierung)

Wenn du mitunterzeichnen oder den Offenen Brief teilen möchtest, findest du ihn und alle weiteren Informationen hier: „Offener Brief an die Regierung zur Corona-Krise“

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6 Kommentare zu “Der Wert der Mütter in der Krise

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